Achtsamkeit und Meditation - Was es ist. Und was nicht.

meditation mindfulness Oct 08, 2020
Achtsamkeit und Meditation

Ich erlebe immer wieder, dass ein ganz schönes Begriffsdurcheinander herrscht im Bereich von Achtsamkeit, Meditation & Co., und das macht das Unterfangen nicht einfacher, über Mindfulness Based Stress Reduction oder Mindful Self Guidance zu sprechen.

Kein Wunder, die Begriffe werden sehr unterschiedlich gebraucht, die Grenzen verschwimmen, es gibt Meditationen verschiedenster Couleur und wie immer gibt es Gruppierungen von Menschen, die den heiligen Gral, des Pudels Kern UND den Stein der Weisen für sich beanspruchen.

Und während die einen hinter den verschlossenen Türen ihrer Meditationszentren vor sich hin praktizieren und zwar nur in der EINEN, nämlich der aus ihrer Sicht RICHTIGEN Weise, spülen Heeeeeeeerscharen von Coaches, Beratern, Therapeuten und Persönlichkeitsentwicklungs-Gurus geführte Meditationen zu ungefähr jedem Thema über ihre YouTube-Kanäle, Social Media Feeds und Gruppenprogramme auf den Markt.

Im Supermarkt um die Ecke hängt ein Plakat, das zur Feuermeditation einlädt. Wenn du auf Feuer nicht so stehst: Man bekommt auch Atem-Mediationen angeboten, Sitzmeditationen, Klangmeditationen, Gehmeditationen, Bewegungsmeditatinen, Naturmeditationen und Was-weiß-ich-für-Meditationen.

Mannmannmann, wie soll man sich denn da zurecht finden…?

Ich versuche mal eine begriffliche Klärung und möchte dir eine grobe Orientierung geben in einem uneinheitlich genutzten Begriffswirrwarr.

  • Was ist Meditation?
  • Und Achtsamkeit? Was hat das mit Meditation zu tun? 
  • Wenn ich meditiere, bin ich dann achtsam?
  • Ist Achtsamkeit eine Meditationsart?
  • Welche Arten der Meditation gibt es?
  • Und warum sollte ich überhaupt irgendwas davon machen?

Wie klären das mal eben.

Meditation – was ist das?

Zunächst mal heißt "meditieren" vom Wort her:

  • sich nach innen zu wenden, zur Mitte (lat.: medius = mitten, der mittlere)
  • nachzusinnen, sich zu üben (lat.: meditatio = Nachsinnen/Einüben),

Meditation ist ein Instrument der Selbsterforschung und Selbsterkenntnis, das jeder für sich nutzen kann.

Es gibt unterschiedliche Richtungen und Techniken, allen gemeinsam ist die Komponente des Übens, die meditative Versenkung nach innen und der Aspekt der mentalen Fokussierung und Konzentration auf einen Meditationsgegenstand.

Die positiven Wirkungen und die meditative Tiefe sind interessanterweise unabhängig von Tradition und Methode. Das konnte in empirischen Studien zu den Wirkungen von Meditation auf die persönliche Entwicklung und seelische Gesundheit mittlerweile nachgewiesen werden (vgl.: https://katalog.ub.uni-heidelberg.de/cgi-bin/titel.cgi?katkey=65716809)

Achtsamkeit und Meditation

Achtsamkeit, oder englisch Mindfulness, bezeichnet einen Zustand gesammelter Aufmerksamkeit im gegenwärtigen Moment.

Achtsamkeit, so wie wir sie kennen, hat ihre Wurzeln im Buddhismus.

In der buddhistischen Weisheitslehre geht es im Grunde, wie in allen Weisheitstraditionen, um das Erreichen von Weisheit und Erleuchtung. Der Aspekt der Achtsamkeit ist nur eine Facette davon. Dieser Aspekt umfasst die kontinuierliche Bewusstseinsschulung durch kontinuierliches Üben. Nur aus dem ruhigen, geklärten, gesammelten Bewusstsein heraus sind Weisheitseinsichten möglich, so die Überzeugung.

Wenn heute jemand beispielsweise einen der vielen MBSR-Kurse besucht (MBSR = Mindfulness-based Stress-Reduction), dann hat er zunächst weder Erleuchtung noch weisheitsvolle Einsichten im Sinn. Die kontemplativen Techniken und Übungen zur Achtsamkeitsschulung werden – losgelöst aus ihrem spirituellen Kontext – weltanschaulich neutral und in diesem Fall mit dem Ziel der Stress-Reduzierung vermittelt.

Den buddhistischen Mönchen ging es jetzt nicht direkt darum, Stress zu reduzieren. Es hat sich jedoch gezeigt, dass das regelmäßige Praktzieren eine ganze Reihe positiver Begleiteffekte hat, wovon Stress-Reduzierung nur eine ist. Und das kam so:

Jon Kabat-Zinn, den man. als sowas wie den Vater einer weltanschaulich neutralen Achtsamkeitspraxis bezeichnen könnte, hat Achtsamkeit und Meditation kennen gelernt, deren Potenzial erkannt und hat sie vor mittlerweile über 40 Jahren in klinischen Kontexten mit Stresspatienten erprobt. Die Erfolge waren frappierend! Das war der Startschuss für unzählige wissenschaftliche Untersuchung der positiven Begleiteffekte von Achtsamkeit und Meditation, und es hat viele verschiedene Gründe, warum das so dermaßen boomt seither.

Ich meditiere, also bin ich achtsam?

Wenn wir Achtsamkeit praktizieren, dann hat auch das verschiedene Aspekte:

  • In der Achtsamkeitspraxis

  • üben wir, unseren Geist zu beruhigen und unsere Konzentration auf irgendeine Erscheinung der Welt zu lenken (unseren Atem, einen bestimmten Klang, ein Mantra, einen Gegenstand….)
  • kultivieren wir die Haltungen der Achtsamkeit

Wir unterschieden zwischen formeller und informeller Praxis:

  • Die Übungen, die wir in einem geschützten Raum, zum Beispiel im Sitzen auf dem Stuhl oder auf einem Kissen absolvieren, bezeichnen wir als formelle Praxis. 
  • Wir bemühen uns, die Haltungen der Achtsamkeit in unserem alltäglichen Leben wirksam werden zu lassen und zu kultivieren. Alltägliche Situationen zum Übungsgegenstand zu machen und die Haltungen der Achtsamkeit im Alltag immer wieder wachzurufen, das bezeichnen wir als informelle Praxis.

Vergegegnwärtigen wir uns jetzt noch einmal die Definitionen von Meditation vom Anfang, dann sehen wir, dass unsere Achtsamkeitspraxis zum Teil mit dem Meditieren verbunden ist, nämlich immer dann, wenn wir uns übend versenken, wenn wir bewusst wählen, für eine kleine Weile einen Aspekt der Achtsamkeit im Rahmen einer formellen Übung zu schulen. Viele sprechen dann auch von Achtsamkeitsmeditationen.

Für mich persönlich ist es mittlerweile so, dass wirklich jede Facette meines Lebens Teil meiner Meditationspraxis ist oder wenigstens sein kann. Es geht um einen Bewusstseinszustand, den ich wieder und wieder einüben, wählen, kultivieren kann, ganz egal, ob in der Schlange an der Kasse, im Wartezimmer, im Gespräch mit meinem pubertierenden Kind, in der Wahrnehmung der Welt um mich herum auf einem Spaziergang...

Das ist aber bei mir erst über die Jahre hinweg gewachsen und entstanden. Zu Beginn meiner Achtsamkeitspraxis waren Achtsamkeit/Meditation und mein alltägliches Leben getrennt voneinander existierende Welten.

Je mehr das zusammenwächst, als umso bereichernder erlebe ich es.

Ok, zurück zum Thema. Jetzt fragst du dich vielleicht:

Ja, aber bin ich dann nicht immer achtsam, wenn ich meditiere?

Nein, das kann man auch nicht so sagen, denn es gibt auch Meditationsarten, die nicht den Aspekt der Achtsamkeitsübung im Sinn haben.

Wenn du z.B. eine geführte Meditation „für besseres Einschlafen“ machst, dann ist das Ziel hier nicht Aufmerksamkeit und Konzentration oder das Schulen einer der Haltungen der Achtsamkeit, sondern Entspannung und das Stimulieren bestimmter Gehirnwellenmuster.

Lass uns also noch ein paar verwandte Begriffe anschauen und klären.

 

Geführte Meditationen

Es gibt unzählige Facetten von geführten Meditationen, allen gemeinsam ist, dass man sie als eine Art „Reise“ betrachten kann: eine Reise nach innen. Es gibt keine einheitliche Begriffsbestimmung, die Literatur ist da zum Teil recht widersprüchlich. Ich beziehe mich hier auf eine Verwendung der Begrifflichkeiten, wie ich sie in meiner Ausbildung zur systemisch-integrativen Beraterin gelernt habe.

In einer geführten Meditation wirst du durch das Erzählen einer Geschichte bzw. durch Vorschläge zur Imagination mit inneren Bildern in Kontakt gebracht. Dabei können geführte Meditationen unterschiedliche Ziele verfolgen:

  • Entspannung und Regeneration
  • Selbsterkenntnis
  • Bewältigung alltäglicher Herausforderungen
  • Bewältigung psychischer Probleme
  • Erhöhung von Motivation und Leistungsfähigkeit u.a.m.

Wir unterscheiden innerhalb der geführten Meditationen zwischen Phantasie-/Traumreisen und Imaginationen.

Phantasie-/Traumreise

Geschichten und Bilder werden vorgegeben, der Anleitende führt durch die Übung, der Angeleitete bleibt eher passiv.

In der Psychotherapie werden sie zum Aufspüren von innerer Kraft und Weisheit oder in der Traumatherapie zur Schaffung eines sicheren Ortes eingesetzt. Als Entspannungsverfahren wirken sie therapeutisch. Sie werden als Geschichten von einem Sprecher erzählt. Ein tiefer Ruhe- und Erholungszustand wird durch eine entspannte Körperposition (auf dem Rücken liegend mit geschlossenen Augen), die Zuwendung durch den Sprecher sowie die Hinwendung auf die meist als angenehm erlebten Bilder in der eigenen Phantasie erzielt. Durch eine herabgesetzte Muskelspannung kommt es zu einer körperlich-seelischen Entspannung. Der Zuhörer stellt sich innere Bilder zu den Texten vor, in die möglichst viele angenehme Sinneseindrücke eingebaut sind.

(Quelle: Wikipedia.)

Imagination

  • Der Duden weist „imaginär“ als etwas aus, das nur in unserer Einbildung vorhanden ist. Imagination bedeutet demzufolge „Einbildungskraft“ und ist eng verbunden mit unserer Phantasie.
  • Imagination ist mit der Herausforderung verbunden, sich Unbekanntes, nicht Erlebtes, nie Erfahrenes vorzustellen.
  • Untersuchungen zeigen, dass wir in der Lage sind, Kraft der Imagination Informationen aufzuspüren, die außerhalb der Reichweite unseres gewöhnlichen Wahrnehmungsvermögens liegen
  • Beim Imaginieren dürfen innere Bilder spontan entstehen, ebenso wie sich daraus ergebende weitere Flüsse und Veränderungen dieser Bilder. Dem Anleitenden kommt die Funktion des Begleiters […] zu, der jedoch nicht suggestiv in das innere Erleben eingreift (Kirch, D.: Geführte Meditationen. S. 14).

Imaginieren vs. Visualisieren

 Visualisieren steht hoch im Kurs, gerade gestern bekam ich eine Werbung bei Facebook für „kostenlose Visualisierungsmeditationen“. Darum möchte ich auch diese beiden Begriffe noch abgrenzend erläutern. 

Imaginieren und Visualisieren sind zwei verschiedene Modi, in die der Angeleitete geführt wird in der Arbeit mit inneren Bildern.

Imaginieren

Wir hatten ja schon von der Imagination als eine Facette der Arbeit mit inneren Bildern gehört. Ein Modus, in den jemand während einer geführten Meditation gehen kann, ist der Modus des Imaginierens. Beim Imaginieren handelt es sich nicht um die Vorstellung von Bildern mit Realitätsgehalt, sondern um etwas, das unserer Phantasie entspringt. Imaginieren bedeutet, sich im Geist etwas auszumalen, von dem man noch kein reales Bild hat.

Visualisieren

Im Grunde visualisieren wir ständig, ob wir wollen oder nicht. Streng genommen gehört das Visualisieren zum optischen Sehen. Wenn  wir visualisieren. erzeugen wir in unserer Vorstellungswelt Bilder. Die vorgestellten Bilder haben Realitätscharakter, wir visualisieren Bilder einer vorgestellten Realität. Untersuchungen zeigen, dass Menschen meistens negativ visualisieren, d.h. dass sie ihren Geist und ihre Vorstellungskraft auf Negatives, auf Befürchtetes ausrichten. Es ist Teil der gegenwärtigen Coaching-Bewegung, diesen negativen Fokus zu verändern, um positive Dinge visualisieren zu können.

Die Übergänge zwischen den Formen geführter Meditationen und damit verbunden auch die Übergänge zwischen den Bewusstseinsmodi des Angeleiteten sind zum Teil fließend, ein uns dieselbe geführte Meditation kann imaginative Elemente und Visualisierungselemente enthalten.

So, ich hoffe, ich konnte etwas Licht ins Dunkel bringen. 

Ich freue mich, wenn du für dich einen guten Einstieg in die Welt von Achtsamkeit und Meditation findest und erleben darfst, wie tief bereichernd das ist.

Ich habe schon in manchen turbulenten Situationen, in die ich mich vom Leben gestellt sah, sehr große Dankbarkeit dafür empfunden, dass ich Zugang habe zu dieser Stille in mir, einem Ort, an dem es irgendwie immer gut ist, ganz egal, was im Außen so tobt.

Ich darf ohne Übertreibung sagen:

Achtsamkeit und Meditation haben mich tief gewandelt und mein Leben bereichert. Und es ist ein ständiger Booster für Mental Health, Deep Relaxation und Well-Being.

So, get involved!

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