4 Mythen zum Thema Achtsamkeit

mindfulness Jun 08, 2020
Achtsamkeit ist in aller Munde.
 
Allerorten und von allen Seiten wird sie dir angepriesen als Heilsbringerin in allen Lebens-, Not- und Schräglagen. Kaum jemand, der NICHT irgendeine Meditations-Glücklichwerd-App aufm Smartphone hat, immer mehr McFit-Besucher suchen nach McMindfulness, und Bilder von mit gekreuzten Beinen auf Besprechungstischen herumlungernden Managern zieren Titelblätter von Lifestyle-Journalen.

Irgendwie ist das Thema allgegenwärtig, und doch stelle ich immer wieder fest, dass einige Verwirrung herrscht, was denn nun eigentlich mit Achtsamkeit gemeint ist. Und wenn es dann noch um Eltern geht, ist die Verwirrung oft komplett. Achtsam Eltern sein?

Lass uns mal Klartext sprechen und ein paar Mythen über Achtsamkeit crashen. Vielleicht bist du ja schon voll die Expertin/der Experte. Dann kannst du einfach dauernd sehr intensiv und sehr zustimmend nicken und gut finden, dass du zu den Bescheid-Wissern gehörst.

Wenn du aber ein paar Fragezeichen hast, dann nähern wir uns jetzt mal ganz geschmeidig dem Thema, indem wir klären, was es NICHT ist und dann verrate ich dir die Benefits von Achtsamkeit für dein Leben, deine Beziehungen, deine Familie und deine Kinder und den Weltfrieden. Ok, ok, nicht gleich übertreiben. Achtsamkeit IST aber auch was Tolles.

Bereit für Myth-Buster Dorte in action?

Los geht’s.

 

1. Der Alltagssprachgebrauch-Mythos

Fragt man Menschen, was für sie Achtsamkeit ist, antworten die meisten, dass es eine Form der Aufmerksamkeit ist. Viele verwenden die Begriffe synonym – Achtsamkeit ist für sie einfach das „trendige“ Wort für Aufmerksamkeit.

Dem gegenwärtigen Moment gegenüber aufmerksam zu sein, und zwar ohne Wertung und mit Akzeptanz und klarem Geist, das ist schon etwas, das wir in der Achtsamkeit praktizieren, aber Achtsamkeit ist mehr als Aufmerksamkeit.

Achtsam sein heißt, die Haltungen der Achtsamkeit zu leben, und das sind viiiiiiele. Neun, um genau zu sein, wie sie Jon Kabat-Zinn, der „Vater der modernen Achtsamkeitspraxis“ beschrieben hat. Neugierig? Dann schau hier:
 
 
  

2. Der Sitzkissen-Mythos 

Achtsamkeit heißt, stundenlang auf einem Meditationskissen zu sitzen. Eine Familie, die Achtsamkeit kultiviert, veranstaltet anstatt des Wochenend-Ausflugs an die Ostsee ein Meditations-Retreat im eigenen Wohnzimmer. Alle bewegen sich geräuscharm und mit einem sanft vibrierenden „OM“ auf den Lippen durch die von Buddha-Figuren bevölkerten Zimmer.
 
Nö.
 
Achtsamkeit kann man im Grunde immer und überall kultivieren.
 
Es braucht nur wenige Voraussetzungen.
  • Man muss wählen, es zu tun.
  • Es braucht die Bereitschaft, mit der gesammelten Aufmerksamkeit bei einer Sache zu bleiben. Was auch immer das ist. (Klingt leichter, als es ist…)
  • Man braucht, vor allem als Einsteiger, Anregungen und Ideen, WIE man das machen und auf was man seine Aufmerksamkeit denn so lenken kann.

Dann kann dein gesamter (Familien-)Alltag zur Übungsmatte werden. Und jeder einzelne Moment der Achtsamkeit ist wertvoll und ein Beitrag zu einem entspannteren Familienklima und zu mehr Ruhe und Gelassenheit in dir.


3. Der Spiri-Eso-Mythos

Für viele ist Achtsamkeit mit Buddhismus konnotiert. Und ja, die Achtsamkeitspraxis hat Wurzeln in den buddhistischen Lehren. Das heißt aber nicht, dass du zum Buddhismus konvertieren musst, um Achtsamkeit in deinem Familienleben zu kultivieren. Du kannst ja auch Yoga machen, ohne die ganze aryuvedische Lebensweise zu übernehmen.

Der schon genannte Jon Kabat-Zinn hat Achtsamkeit für den klinischen Kontext adaptiert und hat ein weltanschaulich neutrales Programm zur Stressbewältigung durch Achtsamkeit entwickelt, das mittlerweile so populär und in seinen Wirkungen so detailliert erforscht ist, dass es sogar von Krankenkassen bezahlt wird. Völlig unspirituell und unbuddhistisch.
 
Wie weit du dich für diese Wurzeln interessierst oder wie tief du eintauchst, steht dir frei. Es geht darum, bestimmte geistige Qualitäten zu schulen. Achtsamkeit ist so etwas wie Yoga für den Geist und dein Bewusstsein.

Und ich ganz persönlich finde, in den turbulenten und bewegten Zeiten, in denen wir leben, sollte JEDER eine regelmäßige Routine pflegen, die sein Bewusstsein klärt und seinen Geist beruhigt. Wie Zähneputzen. Du pflegst (hoffentlich) deinen Körper. Warum nicht auch dein Inneres pflegen?

Du räumst (hoffentlich) regelmäßig dein Zuhause auf. Wenn du das nicht tätest, wäre es irgendwann völlig zugemüllt. Was, wenn das auch für dein Inneres gelten dürfte? Decluttering nicht nur im Außen, sondern auch im Innen!

 

4. Der Weltflucht- oder Wellness-Mythos

Wer Achtsamkeit praktiziert, ist nur noch im gegenwärtigen Moment und hat keine Ziele mehr. Achtsamkeit ist so etwas wie eine dauerhafte warme Badewanne für den Geist.
 
Weit gefehlt.
 
Es gibt sie, die oft sehr unzufriedenen Menschen, die den ganzen Tag auf Kissen herumsitzen, sich einen Wolf manifestieren und die ganze Wohnung mit Vision-Boards vollhängen und sich wundern, dass sich ungefähr NICHTS in ihrem Leben ändert. 


Präsent im gegenwärtigen Moment zu sein, heißt ja gerade NICHT „Weltflucht“.

  • Vor schwierigen Gefühlen deinem Partner/deiner Partnerin gegenüber nicht weglaufen zu müssen,
  • in einer Krise mit den Kindern nicht „auszuchecken“, sondern wach zu fühlen, was ist,
  • aus einem klaren, aufgeräumten Geist heraus gute Entscheidungen zu treffen für dich und deine Familie,
  • mit einem ruhigen und zentrierten Inneren wichtige Ziele zu formulieren, wie klein oder wie groß sie auch immer sein mögen:

DAS macht frei. Und, ja, das sind Dinge, die durch eine regelmäßige Achtsamkeitspraxis entstehen. Du entwickelst die Qualitäten, die es braucht, um dein Familienleben und deine Elternrolle positiv, konstruktiv und aktiv zu gestalten, statt sie passiv zu erleiden aus einem Gefühl der Ohnmacht heraus. Achtsamkeit und Opferitis, das geht nämlich nicht gut zusammen, wenn man bereit ist, sich wirklich in Achtsamkeit zu üben.

 

Benefits von Achtsamkeit

So. Jetzt weißt du Bescheid, was Achtsamkeit alles nicht ist. Jetzt gibt’s noch einen Überblick über die Benefits, die eine regelmäßige Achtsamkeitspraxis haben kann:

  • Achtsamkeit bringt dir Ruhe und Klarheit in herausfordernden Momenten, die das Leben unweigerlich mit sich bringt.
  • Achtsamkeit hilft dir, gelassener zu reagieren und nicht mehr auf „Autopilot“ im Umgang mit deinen Lieben zu schalten, wenn zu viel los ist.
  • Achtsamkeit fördert Freude und Dankbarkeit und vertieft das Erleben auf allen Ebenen.
  • Achtsamkeit fördert die emotionale Intelligenz.
  • Achtsamkeit hilft dir, in einer gesunden und guten inneren Balance zu bleiben. 
  • Achtsamkeit stärkt das Immunsystem.
  • Wenn du Achtsamkeit kultivierst, förderst du eine gesunde Entwicklung deiner Kinder.
  • Achtsamkeit fördert einen Prozess, den Psychologen als „Aufblühen“ bezeichnen. Was wünscht man sich denn mehr für seine Familie?
  • Wer Achtsamkeit praktiziert, muss nie wieder die Wohnung sauber machen.
Ok, der letzte Punkt „gildet nicht“, alles andere aber ist wissenschaftlich bewiesen und hinreichend erforscht. Einen kleinen Ausschnitt aus dem breiten Forschungsgeschehen findest du hier.

Und: Diese Liste könnte man tatsächlich noch eine ganze Weile fortsetzen…
 
Achtsamkeit vertieft dein Leben auf allen Ebenen und ist ein riesiges Geschenk.
 

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